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Die kleine Bürokratie, 1958

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16.08.2009 - 03.01.2010
Zwischen den Dingen. Stillleben von Eberhard Schlotter

Fortsetzung der Ausstellung

mit einer veränderten Werkauswahl
im Kopfbau des Bomann-Museums

Repräsentative Gemälde, Aquarelle und Radierungen aus jeder Schaffensphase treten in dieser Kabinettausstellung miteinander in einen Dialog und lassen Entwicklungslinien, werkimmanente Bezüge und motivische Parallelen deutlich werden.

1947 - 1949

Eberhard Schlotter ist während der NS-Diktatur an der Münchener Kunstakademie nach dem Vorbild der realistischen Malerei des 19. Jahrhunderts ausgebildet worden. Er gehört zu der Künstlergeneration, die erst nach dem 2. Weltkrieg moderne und zeitgenössische Kunstströmungen kennengelernt haben. In dieser Zeit des Neubeginns setzt er sich leidenschaftlich mit der Formensprache des Kubismus und des Fauvismus auseinander. Er löst sich von den Gesetzen der wissenschaftlichen Perspektive, nutzt die neuen Möglichkeiten der Bildgestaltung und unterwirft Formen und Farben seinen eigenen bildnerischen Zielen.


Fisch und Krug, 1956, Öl auf Hartfaser
Fisch und Krug, 1956, Öl auf Hartfaser

1955/56

Mitte der 50er Jahre verarbeitet Schlotter Reiseeindrücke aus Spanien in menschenleeren, häufig stilllebenartigen Kompositionen. Auf ausgestorbenen Plätzen in der Mittagshitze erlebt er die eigentümliche Präsenz unscheinbarer Dinge: In seinen Gemälden werden südliche Stadtansichten zur Kulisse für Gegenstände, die dem Betrachter wie menschliche Gestalten auf einer Theaterbühne entgegentreten. Auf leeren Plätzen und an verlassenen Stränden ereignen sich rätselhafte Metamorphosen, riesige Fischkörper und voluminöse Gefäße mutieren zu autonomen Wesen. Das intensive Licht des Südens macht Schlotter auf die geheimnisvolle Welt der Schatten aufmerksam. In einigen Bildern scheinen sie sich von den Gegenständen zu befreien. Manchmal verzichtet er völlig auf die Schattengebung oder lässt die Schatten frei und in verschiedene Richtungen fallen. So entsteht eine magische Bildwelt.


Flaschen und Karaffen, 1959. Öl auf Leinwand
Flaschen und Karaffen, 1959. Öl auf Leinwand
Austritt der Flasche, 1959, Öl auf Leinwand
Austritt der Flasche, 1959, Öl auf Leinwand

1957 - 1963

Nach der Übersiedlung in das spanische Fischerdorf Altea im November 1956 verändern sich Schlotters Stilllebenmotive. Angeregt von dem stillen, zurückgezogenen Leben in der spanischen Abgeschiedenheit konzentriert sich der Künstler nun auf Bildgegenstände, die er in seiner engsten Umgebung findet. In den Fensterstillleben mit Früchten und Gefäßen öffnet er den Blick in die weite südliche Landschaft und verquickt Innen- und Außenraum in einem spannungsvollen Dialog. Geradezu intim wirken die Atelierstillleben. Sie lassen die intensive Konzentration Schlotters auf sich selbst und seine Arbeit erahnen. So entwickelt er einen sensiblen Blick für die Hintergründigkeit der Welt. Manche Bilder, obwohl frappierend realistisch gemalt, bleiben dennoch rätselhaft. Die Ursache für diese Irritation entdeckt man erst auf den 2. Blick: Schlotter kümmert sich nicht um die wirklichkeitsgetreue Darstellung der Schatten, sondern formt sie nach eigenen Gesetzmäßigkeiten. Schattenwürfe vervielfachen sich, nehmen fremde Formen an oder fallen ganz weg. Auf diese Weise entstehen schemenhafte und perspektivisch schwer greifbare Bildräume.


Playa Granadella, 1971, Öl auf Leinwand
Playa Granadella, 1971, Öl auf Leinwand
Aufgetischt, 1977, Öl auf Leinwand
Aufgetischt, 1977, Öl auf Leinwand

1971 - 1978

In den 70er Jahren überschreiten die Stillleben die Gattungsgrenze zur Landschaftsdarstellung. Die Möglichkeiten des Illusionismus werden ad absurdum geführt und entlarven die Doppelbödigkeit der Wirklichkeit. Bekannte Symbole wie Äpfel, Zitronen, Weingläser und Fische wirken in mehrdeutig lesbaren Kompositionen wie „aufgetischt“. Felsen verwandeln sich in Papier, Wasser in Tischtücher. Die Gemälde fordern die Sehgewohnheiten des Betrachters durch ein irritierendes Spiel mit Raum und Fläche, mit Nähe und Ferne, mit Illusion und Desillusion heraus.

1981

Auch in den frühen 80er Jahren kombiniert Eberhard Schlotter Stilllebenmotive mit weiten Landschaftsdarstellungen. Fische, Früchte oder fragile Flaschen werden großformatig vor eine meist vegetationslose und ebene Landschaftskulisse gesetzt. Eine Radiermappe mit dem Titel „Nocturnos“ aus der Reihe dieser poetischen und farblich feinsinnigen Arrangements hat den Schriftsteller Karl Krolow (1915-1999) zu einem Gedicht angeregt.


Ohne Titel um 1990 Aquarell
Ohne Titel um 1990 Aquarell
La costa blanca 2002 Aquarell
La costa blanca 2002 Aquarell

1988 - 2002

In diesen Jahren findet Eberhard Schlotter zu einer ganz persönlichen Formulierung des Vergänglichkeitsstilllebens. Krüge, Vasen und Flaschen beherrschen jetzt seine Kompositionen und lassen sich, ähnlich wie die Gegenstände in den Arbeiten der frühen spanischen Jahre, als Metaphern für den Menschen lesen. Die schwere Krankheit seiner Frau führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Tod. Er malt kleine Grabnischen mit zerbrechlich wirkenden Glasvasen, Bilder mit mehrdeutigen Räumlichkeiten und fragwürdigen Schatten und schließlich, 1993, dem Todesjahr seiner Frau, aufs Äußerste reduzierte, düstere zweigeteilte Flaschen. Ab 1994 hellt sich die Palette wieder auf. Flaschenähnliche Formen schieben sich aus dem Bild und geben den Blick auf die Umgebung frei. Wie die Vision einer jenseitigen Welt wirken die Begegnungen von Flaschen und Gefäßen in den bühnenartig arrangierten Kompositionen dieser Jahre.