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BILD DES MONATS

Januar 2022

große Sitzende, 1959

Große Sitzende, 1949, Öl auf Leinwand

Das Gemälde „Große Sitzende“ von 1949 ist eines der beeindruckendsten Bilder Schlotters aus diesen frühen Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Für ihn bedeutete der Einzug in den Krieg im Oktober 1941 – mit gerade mal 20 Jahren – nicht nur das Ende seiner Studienzeit, sondern auch wiederholt schwere Verwundungen (verbunden mit der Angst, sein Augenlicht zu verlieren) und den Verlust seines Elternhauses in Hildesheim.

Die Rückkehr nach Darmstadt, der Heimat seiner Frau Dorothea von der Leyen, erwies sich hingegen als Glücksfall für den jungen Künstler. Denn die in dieser Stadt beheimatete Sezession war eine der wichtigsten Künstlervereinigungen Deutschlands. Hier trafen sich nicht allein bildende Künstler, sondern auch Literaten, Kritiker, Theaterleute, Fotografen, Journalisten, Philosophen und Musiker, und zwar junge wie ältere. Die Anregungen durch diese „Künstler-Melange“ kann man nicht überschätzen. Auch die Kunstausstellungen, die rasch überall stattfanden, beeinflussten die jungen Künstler massiv. Vor allem die klassische Moderne (die sie infolge des nationalsozialistischen Regimes verpasst hatten) faszinierte die Jugend. Expressionismus, Kubismus und Fauvismus gaben ihnen die Möglichkeit, die Realität verändert und subjektiv, vor allem aber auch mit einer gewissen Leichtigkeit darzustellen.  

Der Bezug zur französischen Moderne ist bei Schlotters Bild unverkennbar, wenngleich er sich weder für Kubismus noch für Fauvismus entschieden hat. Vielmehr mischte er Aspekte beider Stile zu einer neuen Auslegung eines klassischen Figurenbildes: Eine dürftig bekleidete Frau sitzt auf einem Stuhl bei einem Tisch, auf dem zwei Äpfel neben einer Kanne liegen. Im Hintergrund ist das weitere Zimmer angedeutet, doch die gesamte Darstellung bleibt flächig, wie auf einer schmalen Ebene verankert. Tatsächlich sind die Farbflächen und die sie konturierenden oder durchbrechenden schwarzen Linien die beiden wichtigsten Gestaltungsmerkmale des Bildes. Schlotter verließ sich dabei auf die bewährten Kombinationen von Blau und Gelb bzw. Rosa und Grau. Das im Profil gezeigte Gesicht der Frau erinnert an klassische, griechische Vasenmalerei. Dieser Rückgriff auf die klassische Antike zieht sich auch noch ein paar Jahre durch Schlotters Werk, allerdings bevorzugt bei seinen Wandgestaltungen. In der Ölmalerei suchte er schon bald seine eigene Bildsprache. 

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