April 2026
Familienbildnis, 1988
Öl auf Leinwand
Bereits in den frühen 1970er Jahren hatte Eberhard Schlotter begonnen, komplexe Familienbildnisse zu malen, die diese Kategorie der Porträtmalerei vollkommen neu interpretierte. Als klassisches Gruppenbild folgte das Familienbildnis bis in das 20. Jahrhundert hinein klaren Kompositionsregeln, die es ermöglichen, auf den ersten Blick die Familienstruktur mit dem Vater als Oberhaupt erkennen. Folgerichtig zum gesellschaftlichen Wandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte Eberhard Schlotter auch die Darstellungsweise seiner Familienporträts und schuf spannende, manchmal mehrere Generationen übergreifende Bildnisse. Sie erstellen nicht selten ein Psychogramm der Familien, setzen deren Mitglieder in Bezug zueinander und verweisen auf Widersprüchliches zwischen Innen- und Außenwelt der einzelnen Personen wie auch der Familie als Einheit.
Zum vorliegenden Bild vermerkte Schlotter im handschriftlichen Register seiner Gemälde lapidar: Januar 1988 „Prof. Preisner Familienbild“, Hannover-Isernhagen.
Ganz offensichtlich bildet Frau Preisner als Mutter und Ehefrau das Zentrum des Gemäldes und damit wohl auch der Familie. Sie hält in auffälliger Geste einen Schlüsselanhänger (mit der Signatur des Künstlers) in Händen und damit wohl auch den Schlüssel (für welche Tür?). Allerdings ist sie durch einen Bilderrahmen teilweise aus ihrer Umgebung ausgegrenzt. Ihr Mann steht hinter ihr, mit den Händen in den Hosentaschen, statt ihr liebevoll oder verbindlich eine Hand auf die Schulter zu legen wie man es vielleicht erwartet hätte. Offenbar ist er am rechten Bildrand, und damit außerhalb des Familien(bild-)raumes, nochmals dargestellt: sitzend, im Profil und vom Bild seiner Familie wegschauend. Am linken Rand sind drei Kinder zu sehen, die zwar dicht an dicht sitzen, aber untereinander keinen Kontakt aufnehmen; jedes sieht in eine andere Richtung. Während die Mutter wohl auf die jüngere Tochter blickt, sieht die ältere Tochter auf die Mutter, und der Sohn erscheint im Profil – wie eine kleine Wiederholung des Vaters am rechten Bildrand. Ergänzt wird diese Konstellation durch scheinbar aufgeklebte Fotos von weiteren Familienmitgliedern. Wir wissen nicht, ob es sich dabei um Geschwister oder Großeltern handelt. Auffällig ist allerdings, dass ein Hochzeitsfoto an der Schulter der älteren Schwester „klebt“. Ist eine Heirat das, was man von ihr erwartet?
In merkwürdiger Diskrepanz zwischen dieser völlig unorthodoxen Familiendarstellung und dem, was das Gemälde als Psychogramm der Familie transportiert, stehen wir etwas ratlos vor einem technisch hervorragend gemalten, sehr modernen Bild und der patriarchalen Rollenverteilung, die es dennoch vermittelt.
Damit wird die ältere Tochter zur spannendsten Figur. Sie könnte diejenige sein, die die an den Folgen des Zweiten Weltkriegs zerbrochene und mühsam wieder hergestellte, traditionelle Rolle der Frau neu definieren wird.