August 2025
Flaschen und Karaffen, 1959
Öl auf Leinwand
Im Untergeschoß des als „Kopfbau“ bekannten Anbaus des Bomann-Museums befindet sich seit Mitte Juli eine interaktive, virtuelle Werkstatt. Umgeben von acht Stillleben Eberhard Schlotters kann man das „Immerseum“ aufsuchen und dort selbst Stillleben zusammenstellen. Die eigene Arbeit daran macht ohne weitere Erklärungen die offensichtlichen Schwierigkeiten deutlich, mit denen auch ein Maler zu kämpfen hat: Welche Formen und Farben passen zusammen? Wo sollen sich Gegenstände – nicht – überschneiden? Wie bringe ich Räumlichkeit ins Stillleben? Wie schaffe ich es, ein ausgewogenes, dennoch interessantes Arrangement aufzubauen?
Stillleben galten seit dem 19. Jahrhundert als ein geeignetes Sujet für Frauen und Amateure. An der realistischen Wiedergabe von Oberflächen und Materialien konnten sie ihre technischen und malerischen Fähigkeiten schulen und beweisen. Inhaltlich waren Stillleben deshalb normalerweise belanglos. Schlotter hatte ungefähr sechs Jahre lang verschiedenste Vorbilder studiert und sich mit formalen Problemen auseinandergesetzt, um künstlerisch anspruchsvolle Stillleben zu malen. Das Bild „Flaschen und Karaffen“ ist ein exzellentes Beispiel für die erworbene Meisterschaft des Malers.
Auf den ersten Blick scheint das Stillleben aus zwei Flaschen und zwei Karaffen zu bestehen. Schaut man genauer hin, so sehen wir eine grünliche Flasche, die vom linken Bildrand überschnitten ist, dahinter eine bläuliche, kleine Karaffe und eine weitere, etwas größere Karaffe am rechten Bildrand. Diese drei Glasgefäße stehen offenbar auf einer Tischplatte oder einem ähnlichen Untergrund. Der Hintergrund, den wir selbstverständlich als Wand interpretieren, ist farblich zweigeteilt und macht Schatten sichtbar. Der Schatten der kleinen Karaffe ist nachvollziehbar. Dann folgt ein Schatten einer großen Flasche, dessen Ursprung nicht dargestellt ist. Obendrein hat dieser Schatten einen Deckel, der nicht als Schatten gemalt ist. Seinerseits wirft dieser Schatten einen weiteren Schatten, so als wäre er materiell, wohingegen die zweite Karaffe keinen Schatten wirft, obwohl sie offensichtlich real und materiell ist.
Dieses Spiel mit Erwartungen und Wahrnehmung hat Schlotter so raffiniert ausgeführt, dass wir es erst bei genauer Betrachtung durchschauen. Das Stillleben als Paradebeispiel für wirklichkeitsgetreue Darstellungskunst wird dadurch grundsätzlich hinterfragt. Es war nicht Schlotters Absicht, etwas einfach “abzumalen“, sondern die Betrachter in eine konstruktive Verwirrung zu stürzen. Sein Bild stellt die Frage: „Ist das, was Du siehst, das, was tatsächlich da ist?“