September 2026
Ein Foto aus der Studienzeit, 1939-1941
Ein aus einer Zeitung ausgerissenes Foto befand sich, wohlverwahrt, unter einem Konvolut privater Archivalien, das 2025 in die Stiftung gelangte. Interessanterweise ist kein zugehöriger Text dabei. Schlotter hielt den Text entweder von vornherein oder nachträglich für belanglos. Auch das Datum ist nirgendwo vermerkt.
Sein Professor Constantin Gerhardinger kam, wie Schlotter selbst, 1939 an die Münchener Akademie und war zunächst ein so genannter „Vertragslehrer“. Erst 1942 wurde er ordentlicher Professor, als Schlotter sein Studium bereits wegen seiner Einberufung hatte beenden müssen. Der Zeitungsartikel könnte also anlässlich der Einstellung Gerhardingers veröffentlicht worden sein. Seit 1933 litt die Akademie unter Lehrermangel: Aufgrund zu vieler Entlassungen und Versetzungen in Warte- bzw. Ruhestand, waren viele Plätze noch bis weit in die 30er Jahre hinein unbesetzt. Hitlers Androhung eines „unerbittlichen Säuberungskrieges gegen die moderne Kunst“ anlässlich der Eröffnung der Großen Deutschen Kunstausstellung 1937 schüchterte alle Akademieangehörigen ein. Auch der 18-jährige Schlotter bekam dies zu spüren: Reichsstudentenführer Scheel stellte ihn unter seinen „persönlichen Schutz“, solange Schlotter weder in Worten oder Taten noch mit seinen Bildern auffiele. Neben überzeugten Nationalsozialisten wie Adolf Ziegler gehörten auch unliebsame Professoren wie Anton (Toni) Roth zu Schlotters Lehrern. Roth musste vorzeitig sein Ruhestandsgesuch einreichen. Auch Schlotter wurde schließlich „unhaltbar“: Eine Diskussion mit dem Gauleiter um die Entfernung eines Selbstporträts aus seiner Einzelausstellung in Hildesheim führte vermutlich zum Einberufungsbefehl im Oktober 1941.
Schaut man sich das Foto noch einmal genauer an, dann fällt ein Student im Zentrum des Bildes auf. Außer dem Studenten, dessen Werk der Professor gerade bespricht, halten sich alle anderen respektvoll zurück. Nur einer steht in selbstbewusster Pose nahe bei und legt, wie um Gerhardingers Worte kritisch zu erwägen, den Kopf leicht schief. Dieser junge Mann ist Eberhard Schlotter.