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Mai 2026

Die Insel des zweiten Gesichts, 1976

Öl auf Leinwand


Illusion und Desillusion sind die zentralen Aufgaben, denen Schlotter sich in den 1970er Jahren stellte. Meisterhaft konnte er malen, was immer er sich vorstellte und den Betrachtenden vortäuschen, es sei wirklich. Er kombinierte Bildteile, die ohne inneren Zusammenhang zu sein scheinen, was zu der Erkenntnis führt, dass alles, was auf der Leinwand zu sehen ist, Wirklichkeit und Schöpfung des Künstlers ist, und eben nicht die Wirklichkeit, die wir im ersten Augenblick zu erkennen glaubten.

Der poetische Titel des Bildes bezieht sich auf ein literarisches Werk desselben Titels von Albert Vigoleis Thelen (1909-1989), das 1953 erschienen ist. Darin beschreibt der Autor in der Doppelrolle des Ich-Erzählers und der fiktiven Person Vigoleis Szenen des Emigranten-Lebens auf Mallorca in den Jahren 1931-1936. Als deutsche Flüchtlinge lebten Albert und Beatrice Thelen u.a. als Fremdenführer, Hotelmanager oder Sprachlehrer mehr schlecht als recht auf der spanischen Insel, bis Franco an die Macht kam und sie auch von dort fliehen mussten.

Sowohl sprachlich als auch die Doppelidentität des Albert Thelen innerhalb des Romans spielt der Autor mit der Ungewissheit, ob es sich bei den beschriebenen Personen und Ereignissen um Realität oder Fiktion handelt. Schlotter greift diesen literarischen Schwebezustand mühelos auf, indem er in illusionistischer Weise Dinge und Perspektiven aufeinanderprallen lässt wie es in der tatsächlichen Wirklichkeit physikalisch unmöglich ist. Die graue Fläche – mal Tisch, mal Wand – wird zur Meeresoberfläche an den Gestaden einer Insel und erinnert an Schlotters Beschreibungen des „bleigrauen, glatten Meeres“ in der Bucht von Altea aus der Zeit seines ersten Aufenthaltes in diesem Ort von 1956-1960. Für ihn ist dieses Gemälde zugleich Erinnerung und „Bild zum Buch“.